Eine persönliche Erzählung von unserer Schwester/Schwägerin Rebecca, die uns zu unserer grossen Freude seit gut einem Jahr tatkräftig als ausgebildete Winzerin in den Reben unterstützt.
«Nach dem letzten Wimmeltag im Herbst haben die Reben und ich unsere Arbeit erledigt. Die Trauben sind nun bei Luca und seinem Team im Keller und ich darf die Reben in die verdiente Winterruhe senden. Nach einem intensiven ersten Jahr zurück auf Porta Rätia gönne ich mir während dieser Zeit ebenfalls eine kleine Verschnaufpause.
Die erste Januarwoche des neuen Jahres startet gleich mit meiner Lieblingsarbeit: dem Rebschnitt, der uns die ersten zwei bis drei Monate beschäftigt. Oft höre ich während meiner Arbeit Musik. An Tagen, an denen der schneebedeckte Rebberg im Sonnenschein glitzert und sich über die ganze Bündner Herrschaft eine bedächtige Stille legt, arbeite ich aber am liebsten ohne Ablenkung, gebe mich der Stille hin und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Der Rebschnitt ist eine Arbeit, die Konzentration und Wissen bedarf. Beim Rebschnitt messen wir der der Physiologie und dem Saftfluss der Rebe grosse Bedeutung bei. Für kalte Nächte im April und Mai lassen wir eine Reserverute, die sogenannte Frostrute, stehen. Sobald es die Witterung erlaubt und es nicht mehr zu kalt ist, binden wir die Schosse der Traube an den Bindedraht.
Im März und April nimmt die Bearbeitung des Bodens, also das Häckseln und Mulchen, die meiste Zeit in Anspruch. Nachdem der Traktor einige Monate nicht im Einsatz stand, freue ich mich nun auf die ersten Fahrten des Jahres im Rebberg. Bei der Bodenbearbeitung ist es mir aber trotz Freude am Traktorfahren wichtig, möglichst wenig unnötige Touren zu fahren, um den Boden nicht zu verdicken und die Umwelt nicht zu belasten. Letztes Jahr haben wir im März und April Rebparzellen für die Bestockung neuer Pinot Gris und Sauvignon Blanc Reben flott gemacht. Die Neuanlegung einer Anlage bedarf äusserst genauer Arbeit, gibt sie nämlich den Ton für die nächsten 30 bis 50 Jahre im Rebberg an.
Im April erwacht die Rebe dann endlich und ich darf im Rebberg die ersten zarten Austriebe begrüssen. Während dieser Zeit schaue ich immer mal wieder auf die Wetterapp und bin erleichtert, wenn keine Frostnächte angesagt sind. Im Mai bestimmt das Erlesen meinen Arbeitsalltag. Um die Qualität der Trauben sicherzustellen, werden die Schosse auf dem Rebstock und den Bögen reduziert. Eine strenge Ertragsregulierung führt zu einer höheren Traubenqualität und zu intensiveren Aromen. Am Erlesen mag ich besonders, dass hier die Unterschiede der jeweiligen Rebsorte durchdringen. Bei Junganlagen ist es meine Aufgabe, die Reben zu erziehen, was beispielsweise bei der charaktervollen Rebsorte Completer eine Aufgabe ist, die es in sich hat.
Im Mai und Juni schlaufe ich die Geschosse in die Anlagen ein und kümmere mich um eine regelmässige Laubwand. Unterschiede der Rebsorten machen sich auch bei dieser Arbeit bemerkbar. Die Sauvignon Blanc und Completer Reben wachsen beispielsweise viel wilder als unsere Pinot Noir oder Riesling Silvaner Reben.
Während der Vegetationszeit von Juni bis August wird gemulcht, gehackt und gefräst. Zudem starten wir dann auch mit den aufwändigen Laubarbeiten wie dem Entblättern oder dem «Obenabnehmen». Im Juni beginnen die Reben mit der Blüte. Wenn ich die ersten Blüten im Rebberg sehe, denke ich an meine Lehrzeit und die Bauernregel, dass die Ernte im Normalfall 100 Tage nach der Blüte stattfindet. Dieser Gedanke motiviert mich, nun nochmals mein Bestes zu geben, damit ich im Herbst gesunde und aromatische Trauben an Luca übergeben kann.
Das Highlight des Jahres ist dann definitiv der Wimmlat im September und Oktober. Für mich sind diese drei bis sechs Wochen eine Zeit, die ich stark mit meiner Kindheit auf dem Weingut verbinde. Obwohl die Tage streng sind, ist die Atmosphäre ausgelassen. Wenn dann noch meine Schwestern mit ihren Kindern auf dem Weingut vorbeischauen und ich meinen Neffen und Nichten etwas von diesem Gefühl weitergeben kann, erfüllt mich das mit grossem Stolz und Freude.»


